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Schiedsrichter-Gruppe

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Zwei Schiris, zwei Aufstiege



Melissa Joos und Martin Petersen stehen als Unparteiische im Fußball vor der nächsten Herausforderung - und leichter wird's nicht. Nur mit ihrer Hilfe ist im Fußball alles geregelt. Sie stehen im Mittelpunkt, bemühen sich aber nach Kräften, um nicht aufzufallen. Zwei Referees auf dem Weg nach oben. Jeder auf seine Art.
Sie hebt nachdenklich den Blick und sagt ein wenig zerknirscht: „Na ja, ich habe schon mal versucht, Fußball zu spielen.“ Dabei ist es dann weitestgehend geblieben. Melissa Joos (25) ging dem Sport trotzdem nicht verloren. Sie ist Schiedsrichterin. Noch dazu eine ziemlich gute. Von der kommenden Saison an pfeift sie in der Frauen-Bundesliga. Das spricht sich rum unter Gleichgesinnten. Neulich klopfte ihr ein altgedienter Coach von den Fildern die Schultern platt: „Mensch, Melissa. Was ist nur aus dir geworden?“ Er stand am Spielfeldrand, als die junge Dame vom TV Echterdingen 2006 ihre erste Partie leitete. Melissa Joos war 14 Jahre alt. Die Juniorinnen vom TSV Plattenhardt trafen auf den SV Hoffeld. Und wenn es stimmt, was der Trainer erzählte, dann traf sie damals ungefähr so viele Fehlentscheidungen wie das Spiel Minuten hatte. Sie verzieht das Gesicht und sagt: „Es war grausam.“
Weil die Elektroingenieurin aber zu den Menschen gehört, die nicht so leicht aufgeben, wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert, führte sie ihr Weg erstaunlich flott durch alle Instanzen der schwarzen Zunft. Und ob sie nun bei den Frauen in den höchsten Spielklassen pfeift oder bei den Männern in der Verbandsliga – sie hat einen Plan, den sie durchsetzt. Zwar salutieren die Jungs nicht gerade mit den Händen an der Hosennaht, aber wenn sie in der 90. Minute beim 80-Meter-Sprint einen keuchenden Stürmer überholt, dann glaubt der eine oder andere schon mal an eine Erscheinung. „Ich bin läuferisch eben stark“, sagt Melissa Joos und lacht: „So verschaffe ich mir Respekt.“ Sie käme wohl im Traum nicht auf die Idee, die Nachsicht der Männerwelt zu verlangen, nur weil sie eine Frau ist. Aber diesen Status der Gelassenheit gibt es nicht umsonst.
Während der Saison trainiert sie mindestens zweimal die Woche, in der Vorbereitung auf die neue Spielzeit fast täglich. Intervall-Läufe, Sprints, Stabilisationsübungen. Die Reisetasche steht immer griffbereit. Heute Köln, morgen Freiburg. Ihr Chef hat zwar Verständnis für die zeitlichen Nöte einer Schiedsrichterin, aber die Arbeit im Büro sollte bitte schön auch nicht liegen bleiben. Weshalb Melissa Joos auch nach einem Zehn-Stunden-Arbeitstag noch ein paar Runden auf dem Sportplatz dreht. Sie sagt: „Die Arbeit macht Spaß, das Hobby auch. Und ich war noch nie ein Couch-Potato.“
Gab es schon Flirtversuche von den Casanovas in kurzen Hosen? Vielleicht eine Einladung zum Abendessen? Sie schüttelt den Kopf: „Darauf geh ich gar nicht erst ein.“ Lieber schlägt sie die Männer mit ihren eigenen Waffen. Auf einen flotten Spruch hat sie fast immer eine kesse Antwort parat. Sie lächelt. „Dann sind sie bedient.“
„So was“, versichert sie, „kommt aber eher selten vor. Während des Spiels geht man respektvoll miteinander um.“ Viel häufiger bellen wütende Zuschauer aufs Feld. „Auch kein Problem“, sagt die junge Schiedsrichterin mit einem Augenzwinkern, „die dürfen das. Haben ja Eintritt bezahlt. Ich blende das irgendwie aus.“
Was Christine Baitinger bestätigt: „Sie hat die Ruhe weg.“ Die Chefin der Schiedsrichterinnen im Deutschen Fußball-Bund (DFB) setzt große Hoffnungen auf die junge Kollegin. „Melissa hat eine tolle Entwicklung genommen. Sie hat sich bei den Frauen und den Männern durchgesetzt.“ Den Aufstieg in die Frauen-Bundesliga habe sie sich verdient. „Sie wird das mit Bravour erledigen“, prophezeit Christine Baitinger. Und wer weiß, vielleicht tritt Melissa Joos irgendwann sogar in die Fußstapfen von Bibiana Steinhaus, die in dieser Saison als erste Frau in der Eliteklasse der Männer pfeift. Dann würde ihr der Coach von den Fildern vor lauter Begeisterung wohl ein Denkmal setzen.
Er lehnt sich zurück in seinem Stuhl, bestellt einen Latte macchiato und wischt sich noch kurz den Schweiß von der Stirn. War ja auch eine Schinderei, dieses Training. Laufen, sprinten, dehnen. Das alles bei drückender Hitze. Aber Martin Petersen (32) ist Schiedsrichter. Und für den ist das Wetter das kleinste Problem. Und er ist ein Aufsteiger, weshalb er lieber noch ein bisschen härter trainiert als sonst. Der junge Mann vom VfL Stuttgart zählt von der neuen Saison an zum Besten, was die Bundesliga an Referees zu bieten hat. Arjen Robben, Marco Reus oder Mario Gomez tanzen dann nach seiner Pfeife. Und 50 000 Menschen schauen zu. Da ist es kein Fehler, immer auf Ballhöhe zu sein. „In der Bundesliga zu pfeifen“, sagt Petersen, „das ist schon was Besonderes. Es war natürlich immer mein Traum.“
Auch damals schon, als er zum ersten Mal über das Regelwerk herrschte. Petersen war 15, und kurz vor Spielende stellte er ein Mädchen vom Platz. Rote Karte! Es rannte weinend in die Kabine. Die Eltern am Spielfeldrand schüttelten verständnislos den Kopf. Muss das sein? „Es war eine klare Notbremse“, erklärt Petersen so, als täte ihm die Szene noch immer leid. Aber die Gefühle sind das eine, die Spielregeln das andere. „Ich pfeife sehr konsequent“, sagt der gelernte Immobilienkaufmann aus Stuttgart-Ost. Er mochte es eben noch nie, wenn nicht alles seine Ordnung hatte. „Wenn ich in der Freizeit mit Freunden kickte“, erzählt er schmunzelnd, „habe ich immer die Regeln bestimmt.“ Da war es fast schon logisch, dass er einen Schiedsrichterkurs belegte.
Seither verfeinert er die Kunst, die alle seine Kollegen verinnerlicht haben: im Mittelpunkt zu stehen – möglichst ohne aufzufallen. Es hat ein bisschen gedauert, doch nun hat ihn sein Weg nach oben geführt. Sein Blick wird fest, und er seufzt, als hätte er sich für seinen Ehrgeiz zu entschuldigen: „Ich will immer der Beste sein.“
Natürlich, gesteht Martin Petersen, ging auch schon mal ein Spiel voll daneben. Er hebt die Augenbrauen. „Da beschönige ich dann aber nichts. Ich stehe dazu, wenn ich Fehler gemacht habe.“ Es sind ja manchmal nur Millisekunden, während denen ein Schiedsrichter entscheiden muss: Elfmeter oder nicht? „Da ist die Erfahrung hilfreich“, sagt Martin Petersen, „da ist es gut, wenn man die Situation schon x-mal erlebt hat.“ Und nicht nur das. Er bereitet sich gewissenhaft auf jedes Spiel vor. Er analysiert die Spiele nach dem Abpfiff. Er schaut sich die Spiele seiner Kollegen an. Er trainiert mithilfe von Internetportalen des Deutschen Fußball-Bunds, er besucht Lehrgänge, feilt an Körpersprache, Kommunikation und mentaler Stärke. „Je hektischer es auf dem Spielfeld wird, umso ruhiger muss ich werden“, sagt er. Als junger Schiri verpasste ihm ein Spieler eine Backpfeife, in Osnabrück traf ihn ein Feuerzeug am Kopf, und auch sonst ist die Arbeit nicht vergnügungssteuerpflichtig, wenn ihn 50 000 dorthin wünschen, wo der Pfeffer wächst. Er überlegt und sagt, dass das alles eben dazugehört. „Schöner ist es allerdings, wenn die Leute mit meiner Leistung zufrieden sind.“
Aber die Anforderungen steigen. Die Spiele werden schneller, taktisch ausgereifter, die Akteure athletischer und listiger. Zwölf Kilometer pro Partie spult Martin Petersen ab. Das erledigt der Mensch nicht kurz mal nebenbei. Der Zweitaufwand ist enorm. Martin Petersen ist verheiratet, vor Kurzem kam sein Söhnchen zur Welt. „Ich bin jede Woche mindestens zwei Tage auf Achse“, sagt der künftige Bundesliga-Schiri, „manchmal auch länger.“ 40 bis 50 Spiele leitet er im Jahr. Dafür zahlt ihm der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ein Grundgehalt. Und eine Prämie pro Partie. Ein Schiri bringt es schon mal auf 100 000 Euro im Jahr. Aber dann schlägt die Steuer zu. Und mit 47 Jahren ist sowieso Schluss. Dann zieht der DFB den Stecker: Altersgrenze!
Bis da hat Martin Petersen noch 15 Jahre Zeit. Wer weiß, vielleicht pfeift er ja mal eine Weltmeisterschaft. Und eine Frau mittleren Alters wird fragend am Fernseher sitzen. „Sag mal, ist das nicht der . . .? Ja, klar. Der hat mich damals vom Platz gestellt!“